Warum Finanzbildung für die Jüngsten wichtig ist – Flossbach von Storch Podcast
Die Debatte um die finanzielle Bildung steht an einem entscheidenden Punkt: Wird es gelingen, der Finanzbildung endlich einen festen Platz in Schule und Gesellschaft zu verschaffen? Oder wird sie, wie so oft, im politischen Business zerrieben? Trotz aller Bemühungen bestehen nach wie vor erhebliche Defizite in der Finanzbildung hierzulande – dabei ist die Nachfrage groß, insbesondere unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen.
Nach dem Scheitern der Ampelkoalition und der damit verbundenen vorläufigen Haushaltsführung liegt die nationale Finanzbildungsstrategie, die von den Bundesministerien für Finanzen und Bildung und Forschung entwickelt wurde, auf Eis. Diese Strategie hätte entscheidende Impulse für den Erwerb von Finanzkompetenz setzen sollen – ein Thema, das angesichts der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen wichtiger ist denn je.
In Zeiten wirtschaftlicher und politischer Umbrüche wird die Bedeutung finanzieller Bildung besonders deutlich. Populismus, demografischer Wandel, steigende Staatsdefizite und die wirtschaftliche Unsicherheit vieler Menschen zeigen, wie wichtig solides finanzielles Basiswissen ist. Laut der Erhebung des OECD International Network on Financial Education zur Finanzkompetenz haben rund 80 Prozent der deutschen Erwachsenen Kreditprodukte. „Nur ein Teil der Haushalte ist darauf vorbereitet, auf finanzielle Schocks aufgrund von diversen Krisen so zu reagieren, dass ihr Wohlstandsniveau allenfalls kurzfristig beeinträchtigt wird“, erklärt Sally Peters, Direktorin des Hamburger Instituts für Finanzdienstleistungen.
Knapp ein Drittel der Haushalte gab an, am Monatsende kein Geld übrig zu haben. Auch viele Jugendliche schauen sorgenvoll in ihre finanzielle Zukunft, wie der aktuelle Schufa Jugend-Finanz von Maren Kebbel 104 Kontext Finanzielle Bildung monitor zeigt. Was bedeutet das für unsere Demokratie? Wenn große Teile der Gesellschaft das Gefühl haben, dass sie von der bestehenden Gesellschaftsordnung keine Vorteile erwarten können, leidet die Legitimität demokratischer Institutionen, stellt der Freiburger Ökonom Tim Krieger fest. Private Vermögensbildung und finanzielle Selbstbestimmung tragen also entscheidend zur Stabilität unserer Gesellschaft und unserer Demokratie bei.
Finanzbildung ist also weit mehr als eine praktische Fähigkeit: Sie ist ein Schlüssel zur individuellen Selbstbestimmung und gesellschaftlichen Teilhabe. Wer über finanzielle Kenntnisse und Kompetenzen verfügt und Zusammenhänge versteht, ist weniger anfällig für Überschuldung, kann politische Programme und Maßnahmen besser bewerten und Auswirkungen von Entscheidungen abschätzen. Finanzielle Kompetenz schützt nicht nur vor Fehlentscheidungen und Betrug, sondern stärkt auch den sozialen Frieden und das Vertrauen in politische Institutionen.
Wer über finanzielle Kenntnisse verfügt, kann besser am Wirtschaftsgeschehen teilhaben, sei es durch die Teilnahme am Arbeitsmarkt, Spar- und Finanzprodukte, Investitionen oder sogar durch die Gründung eines Unternehmens. Nur wenn finanzielle Bildung für alle zugänglich ist, werden soziale und ökonomische Ungleichgewichte verringert, was die gesellschaftliche Mitte und im zweiten Schritt wiederum die Demokratie stärkt.
Auch in Hinblick auf Wahlen ist finanzielle Bildung wichtig. Viele politische Fragen, etwa in der Steuer-, Fiskal- oder Sozialpolitik oder im Arbeitsmarkt haben einen direkten finanziellen Bezug. Ohne eine ökonomische Basisbildung können Wählerinnen und Wähler leichter von populistischen oder unseriösen politischen Versprechungen beeinflusst werden, was das demokratische System schwächen könnte. Wahlen sind ein zentrales Element der Demokratie, und informierte Wählerinnen und Wähler sind entscheidend für die Qualität der demokratischen Entscheidungen.
Finanzielle Bildung ist also weit mehr als ein Nice-to-have, sie ist ein grundlegendes Element für eine lebendige Demokratie. „Wirtschaftsunterricht in Schulen ist relevant, weil er eine individuell und sozial verantwortete Teilhabe an Wirtschaft, Gesellschaft und Politik ermöglicht“, sagt Dirk Loerwald, Professor am Institut für Ökonomische Bildung Oldenburg. Die Schulen leisten derzeit wenig zur Finanzbildung. Laut der Jugendstudie des Bundesverbandes deutscher Banken lernen 80 Prozent der 14- bis 24-Jährigen in der Schule „nicht so viel“ oder „so gut wie nichts“ über Wirtschaft und Finanzen. Besonders Jugendliche aus einkommensschwachen Haushalten sind betroffen. Diese Wissenslücken machen sie anfälliger für Überschuldung und finanzielle Risiken.
92 Prozent der Schülerinnen und Schüler fordern demnach mehr Wirtschafts- und Finanzwissen in der Schule. Fabian Schön, Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, betonte auf dem Kongress des Bündnisses Ökonomische Bildung Deutschland im Herbst 2024: „Schülerinnen und Schüler brauchen Fachwissen und Kompetenzen im Bereich Wirtschaft und Finanzen, um individuelle Mündigkeit, gesellschaftliche Teilhabe und Chancengleichheit zu sichern.“ Er plädiert für mehr Ökonomische Bildung in der Schule und sieht die Politik in der Pflicht, Kinder und Jugendliche bei der Gestaltung ihrer Zukunft entschiedener zu unterstützen.
Auch der OeBiX-Gesamtindex (Index Ökonomische Bildung in Deutschland) zum Stand der Ökonomischen Bildung in Deutschland zeigt gravierende Defizite. Zwar liegen Niedersachsen, Bremen und Bayern im Vergleich vorne, doch keines der Bundesländer erreicht den Mindeststandard, auf den sich im Jahr 2003 – damals stand die Wirtschafts und Finanzbildung in Deutschland schon einmal kurz vor dem Durchbruch – eine Arbeitsgruppe geeinigt hatte. Diese gemeinsame Arbeitsgruppe von Wirtschaftsministerkonferenz, Kultusministerkonferenz, Wirtschaftsverbänden und dem Deutschen Gewerkschaftsbund empfahl, dass ökonomische Bildungsinhalte schulformübergreifend in der Sekundarstufe I mit 200 Unterrichtsstunden verankert werden sollen. Seitdem ist zu wenig passiert.
Da sich die meisten Bundesländer auch nicht bemüßigt fühlen, Finanz- und Wirtschaftsthemen an den Schulen den Stellenwert einzuräumen, der ihnen zukommen müsste, ist Deutschland in Sachen Finanzbildung international abgeschlagen: Fast alle EU- und OECD-Länder verfügen bereits über eine Finanzbildungsstrategie, Deutschland gehört zu den Abgehängten. Hier können Stiftungen wie die Flossbach von Storch Stiftung eingreifen und den Appell der OECD aufnehmen. Als unabhängige Akteure können Stiftungen Missstände aufzeigen, Reformen anstoßen und Bildungsangebote für Schülerinnen und Schüler schaffen. „Unser Ziel ist eine demokratische Gesellschaft, in der jeder ein selbstbestimmtes Leben führen kann. Wirtschafts- und Finanzbildung ist dafür ein unverzichtbarer Bestandteil der Allgemeinbildung“, sind die Stiftungsgründer Dr. Bert Flossbach und Kurt von Storch überzeugt. Die Stiftung fördert Forschung wie die OeBiX-Studien. „Der Index gibt ein detailliertes Bild, wo genau die Mängel in Schul- und Lehrkräftebildung liegen. Damit ist er ein Kompass für Reformen“, sagt Verena von Hugo, Vorständin der Flossbach von Storch Stiftung. Zudem fördert die Stiftung Diskurse, Lehrkräftequalifizierung und praxisnahe Schulprojekte. Prominentes Beispiel ist der bundesweite econo=me Wettbewerb Wirtschaft und Finanzen, der 2024/25 sein zehnjähriges Jubiläum feiert und das Thema „Gute Schulden – Schlechte Schulden?“ ins Zentrum stellt.
Finanzbildung darf nicht weiter stiefmütterlich behandelt werden. Sie ist ein Schlüssel zur Mündigkeit, Eigenverantwortlichkeit, Chancengerechtigkeit, Demokratieförderung und sozialen Stabilität. Während die Politik zögert, sind Stiftungen, Verbände und weitere Akteure gefordert, innovative Lösungen voranzutreiben und die gesellschaftliche Debatte zu beleben – das Bündnis Ökonomische Bildung, oder kurz BÖB, beispielsweise setzt sich für die politische Arbeit und internationale Vernetzung ein. Jetzt ist die Zeit, zu handeln, das Verständnis von Zusammenhängen zu fördern – für eine Gesellschaft, die auf Teilhabe und Stabilität basiert.