KI: Übertreibt die Börse? Flossbach von Storch Podcast
Blase oder nicht – diese Frage wird uns derzeit häufig gestellt. Wie so oft gibt es keine einfache Antwort. Eine Einordung.
Zunächst stellt sich die Frage, welche Art von Blase überhaupt gemeint ist. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt nämlich, dass nicht jede Blase gleich ist. Es gibt verschiedene Formen von Blasen, die sich in ihren Grundsätzen und langfristigen Folgen deutlich voneinander unterscheiden.
Generell sind Blasen im Volksmund negativ konnotiert. Rückblickend vergessen wir jedoch oft, dass Entwicklungen, die heute für uns selbstverständlich sind – etwa das Reisen über große Distanzen mit der Bahn oder die flächendeckende Elektrifizierung –, ursprünglich auch mit spekulativen Übertreibungen einhergingen. Um diese Technologien zu ermöglichen, waren enorme Investitionen nötig, die zeitweise zu Überhitzungen und Blasenbildungen führten.
Dennoch wurden durch diese Prozesse die Grundlagen für gewaltige Produktivitäts- und Wohlstandsgewinne geschaffen. Diese Form nennen wir eine Transformationsblase, übersetz Inflection Bubble. Sie entsteht aus einer revolutionären Neuerung, die große Begeisterung auslöst und zu rascher Marktdurchdringung führt.
Die frühen Erfolge erzeugen eine Dynamik, in der FOMO („Fear of Missing Out“), also die Angst, etwas zu verpassen, die rationale Risikowahrnehmung verzerrt. Unternehmen investieren zunehmend aggressiv, teilweise unüberlegt, und Investoren extrapolieren anfängliche Wachstumsraten in unrealistische Höhen. Irgendwann folgt die Korrektur.
Entscheidend ist aber: Die Technologie bleibt bestehen und entfaltet langfristig ihre transformativen Kräfte – auch wenn viele der frühen Investoren nicht zwangsläufig davon profitieren.
Daneben existieren reine Spekulationsblasen, auch genannt Mean-Reversion Bubbles. Das sind Übertreibungen, die nicht auf echten Innovationen beruhen. Hier treiben Spekulation, Narrativ und Liquidität die Preise nach oben, ohne dass fundamentale Wertschöpfung entsteht. Sobald der Hype abebbt, fallen die Bewertungen auf ihr Ausgangsniveau zurück.
Ein klassisches Beispiel ist die Subprime-Krise: Steigende Preise trafen auf niedrige Zinsen, was Fehlanreize und spekulatives Verhalten befeuerte. Die Folgen waren Spekulationen und die Bildung von Blasen ohne reale ökonomische Grundlage. Nüchtern betrachtet wenig überraschend – denn das Bündeln und Weiterverkaufen von Hypothekenkrediten schafft keine Produktivität, sondern verlagert lediglich Risiken innerhalb des Finanzsystems, wie sich beim Platzen der Blase herausstellte.
Was können wir aus der Vergangenheit für die heutige KI-Entwicklung lernen? Mit der breiten Verfügbarkeit von KI-Anwendungen wie ChatGPT hat eine neue technologische Ära begonnen. Kapital strömt in großem Umfang in Modelle, Chips und Infrastruktur, und die Bewertungen vieler Unternehmen erreichen immer neue Höchststände.
Gleichzeitig zeigt sich: Während Verbraucher bereits spürbare Nutzeneffekte erleben, bleibt die Monetarisierung für viele Anbieter herausfordernd. Nicht jedes Unternehmen, das heute hohe Summen investiert, wird langfristig überdurchschnittliche Erträge erzielen.
KI wird unseren Alltag und zahlreiche Branchen tiefgreifend verändern – ähnlich wie einst die Eisenbahn. Doch ein technologischer Durchbruch führt nicht automatisch zu außergewöhnlichen Anlageerfolgen für alle Anleger. Für Investoren bleibt entscheidend, einen kühlen Kopf zu bewahren, Chancen und Risiken nüchtern abzuwägen und Bewertungsdisziplin zu wahren.
Unklar ist zudem, ob die KI-Profiteure der ersten Stunde auch die langfristigen Gewinner sein werden. Ein Beispiel hierfür ist der Markt für Mobiltelefone. Während zu Beginn Marken wie Motorola oder Nokia führend waren, finden sich heute Unternehmen wie Apple, Samsung oder Google unter den größten Smartphoneherstellern.
Ebenso sind schnelle Schlussfolgerungen über bevorstehende Disruptionen einzelner Branchen verfrüht. Um in der Smartphone-Analogie zu bleiben: Das Smartphone hat die Digitalkamera überflüssig gemacht.
Fest steht: Es wird Gewinner geben, aber ebenso Unternehmen, die an den hohen Kapitalanforderungen, fehlender Monetarisierung oder schlicht am Wettbewerb scheitern. Letzteres ist beispielsweise an der Geschichte des Staubsaugerunternehmens iRobot ablesbar.
Die Vergangenheit zeigt, dass Herdenverhalten und FOMO noch nie gute Ratgeber waren – weder bei der Eisenbahn noch bei der Elektrifizierung. Die Technologie mag transformativ sein, doch der Anlageerfolg hängt von realistischen Erwartungen und einer angemessenen Bewertung ab. Das gilt auch heute.